Romane


In Trubschachen

Roman, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M., 1973

Roman eines Aufenthalts in einem Emmentaler Dorf zwischen Weihnachten und Neujahr. Wurde zu einem Kultbuch.

Um die Jahreswende könnte man verreisen, zum Beispiel ins Emmental. Während der Fahrt würde man auf die im „Paris Match“ abgedruckte Geschichte des Herzogs von Windsor – des ehemaligen englischen Königs, der aus Neigung zu einer Bürgerlichen auf das Königsamt verzichtet hat – aufmerksam werden. Im „Hirschen“ quartiert man sich gewissenhaft ein und bemüht sich wegen der Arbeit, die man hier voranzutreiben gedenkt, um ein regelmässiges Leben. Man lernt den Ort und seine nähere Umgebung kennen. Die reichhaltigen Mahlzeiten werden zu den einzigen Richtzeiten im Tagesablauf. Man schläft viel, liest in Biographien des Immanuel Kant. Die eigene Arbeit zögert man immer weiter hinaus.

Auf langen Spaziergängen nimmt die Beobachtungsgabe zu: das Zeitgefühl verändert sich, Bekanntes wirkt fremd. In seiner „Emmentaler Rede“ erzählt der Lehrer über die geographischen und historischen Verhältnisse dieser Region. Über die Leinen- und Nahrungsmittelindustrie, aber auch über Fälle von Tierquälerei, Inzucht und Mord. Todesahnungen werden bedrohlich.

Am historischen Beispiel, dem Leben und der Philosophie Kants, und am aktuellen Erleben eines zwischen den grossen Städten gelegenen Durchgangstales werden die Bedingungen, unter denen Leben verläuft, offensichtlich. Die grosse »Rede von der Pflicht« handelt deshalb auch vom falschen Leben, von den »menschenfeindlichen Lebensbedingungen«.

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Stimmen

„E. Y. Meyers Roman Die Rückfahrt ist ein Werk von ausserordentlicher Gedankenfülle und Gedankendichte, eines der wenigen Bücher der Gegenwartsliteratur, die man zwei- und dreimal wird lesen wollen. Wahre Dichtung ist utopischer Weltentwurf, oder, wie E. Y. Meyer bescheidener evoziert: Die Wiederherstellung der Welt.“
Hermann Burger, Merkur

„Die Rückfahrt stellt die Frage nach dem richtigen Leben. Die bis ins Detail präzise Beschreibung einer Existenz und einer Gesellschaft, in der die Suche nach dem richtigen Leben für alle unabwendbar geworden ist, die konstruktive Eleganz, mit der die Geschichte erzählt wird, überzeugen und bewegen mich.“
Klaus Podak, Süddeutsche Zeitung

„Die Kunst, Zeit rückwärts laufen zu lassen.“
Alice Vollenweider, Die Weltwoche

Leseprobe

Sie standen auf dem Münsterturm und schauten über die Stadt und das Land, über das sich die Dämmerung breitete. Das Amt für Denkmalpflege lag weit unten.
Aus der Turmhalle drangen über den Treppenaufgang die Töne der einsetzenden Orgel bis zu ihnen hinauf, und über ihre Köpfe zogen ungezählte Schwärme von Fledermäusen hinweg, die die alte Turmkappe verliessen und über die ganze Stadt hinflatterten.
Als die letzten Fledermäuse den Turm verlassen hatten und das Geräusch der Flügelschläge verstummt war, das wie das Knattern von Segeln im Wind getönt hatte, glaubten sie ausser dem entfernten Orgelspiel noch ein immer lauter werdendes Kratzen zu hören, das sich der breiten Balustrade der obersten Münstergalerie näherte, auf der sie sich befanden. Und als sie an die Balustrade hinantraten und über sie hinweg der Fassade entlang hinunterblickten, sahen sie, wie dicht zusammengedrängt und von allen Seiten her unzählige kleine affenartige Wesen, die sich in ihrer Farbe nicht im geringsten von der des Sandsteins des Münsters unterschieden, mit einer grossen Geschicklichkeit und Geschwindigkeit von den Fialen der Strebepfeiler her, über die Strebebogen und die Turmfassade auf die Galerie zukletterten.
Alles an ihnen war sandsteinfarben, so dass es aussah, als ob Teile der Münsterfassade in Bewegung geraten seien, und als die ersten von ihnen die Balustrade erreichten, sahen sie, dass es Konsolen-, Türpfosten-, Türsturz-, Konsolenträger-, Bogenfeld- und Archivoltenfiguren sowie zu grotesken, widernatürlichen Gestalten geformte Wasserspeier waren, die ohne aufeinander Rücksicht zu nehmen panikartig den Turm erklommen und in deren Sandsteinaugen Angst stand.
Als er zum Denkmalpfleger hinüberblickte, sah er, dass sich dieser schon wieder aufgerichtet hatte und ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und weitgeöffneten, wahnsinnsgefüllten Augen ansah – so dass er erschrocken vor ihm zurückwich – und dass sich dessen Gesicht zu einem breiten Grinsen verzog, das unvermittelt in ein unmenschliches, höhnisches Gelächter von einer unvorstellbaren Lautstärke überging.
Dann begann die dicke Steinplatte des Galeriebodens und mit ihr schliesslich der ganze Turm langsam auseinander zu brechen, so dass sich der Denkmalpfleger, ohne in seinem Gelächter innezuhalten, mit seiner Turmhälfte und den verzweifelt Halt suchenden Sandsteinfiguren, die reihenweise in die Tiefe fielen, langsam von ihm entfernte und ihm, gerade noch bevor die beiden Turmhälften in sich zusammenstürzten, mit einer Donnerstimme durch das ohrenbetäubende Krachen und die immer lauter werdende Orgelmusik hindurch die Worte: MACHS NA! zurief.


Die Rückfahrt

Entwicklungsroman, Gesellschaftsroman, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M., 1977

„Die Rückfahrt“ erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, von seinen Schwierigkeiten mit dem Leben im reichsten Land der Welt und dem Versuch, sich mit der Hilfe eines Psychiaters auf eine neue Existenz in der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Schweiz vorzubereiten. Sie erzählt von den Gesprächen mit einem Denkmalpfleger und von der Entscheidung des jungen Mannes, den Lehrerberuf aufzugeben.

Mit der eigenen Vergangenheit steigt die historische auf. Kunstwerke, Denkmäler, Erziehung und politische Geschichte verbinden sich mit den persönlichen Erfahrungen, lassen sie wachsen und heben sie im Gang der Geschichte auf.

„Die Rückfahrt“ meint nicht nur die letzte Fahrt mit dem Denkmalpfleger, sie meint ebenso die Umkehr im Sinne einer geschichtlichen Wende, die Abkehr von einem sich über grosse Zeiträume erstreckenden Vernichtungsprozess des Lebens.

„Gewiss würde es nicht möglich sein, etwas noch einmal so, wie es gewesen ist, Wirklichkeit werden zu lassen, da man dazu erst einmal wissen müsste, wie ein Mensch, in diesem Fall also ein Römer, der vor tausendsiebenhundert Jahren gelebt hatte, seine Wirklichkeit wirklich, und nicht so, sie wir uns das heute vorstellen, erlebt hatte. Und das war etwas, das ihm, Berger, ebenso unmöglich schien, wie es wahrscheinlich dem Denkmalpfleger erschienen wäre, der einmal gesagt hatte, Geschichte sei vermutlich nichts anderes als ein für das Leben der Menschen notwendiger Mythos.“

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Stimmen

„E. Y. Meyers Roman Die Rückfahrt ist ein Werk von ausserordentlicher Gedankenfülle und Gedankendichte, eines der wenigen Bücher der Gegenwartsliteratur, die man zwei- und dreimal wird lesen wollen. Wahre Dichtung ist utopischer Weltentwurf, oder, wie E. Y. Meyer bescheidener evoziert: Die Wiederherstellung der Welt.“
Hermann Burger, Merkur

„Die Rückfahrt stellt die Frage nach dem richtigen Leben. Die bis ins Detail präzise Beschreibung einer Existenz und einer Gesellschaft, in der die Suche nach dem richtigen Leben für alle unabwendbar geworden ist, die konstruktive Eleganz, mit der die Geschichte erzählt wird, überzeugen und bewegen mich.“
Klaus Podak, Süddeutsche Zeitung

„Die Kunst, Zeit rückwärts laufen zu lassen.“
Alice Vollenweider, Die Weltwoche

Leseprobe

Sie standen auf dem Münsterturm und schauten über die Stadt und das Land, über das sich die Dämmerung breitete. Das Amt für Denkmalpflege lag weit unten.
Aus der Turmhalle drangen über den Treppenaufgang die Töne der einsetzenden Orgel bis zu ihnen hinauf, und über ihre Köpfe zogen ungezählte Schwärme von Fledermäusen hinweg, die die alte Turmkappe verliessen und über die ganze Stadt hinflatterten.
Als die letzten Fledermäuse den Turm verlassen hatten und das Geräusch der Flügelschläge verstummt war, das wie das Knattern von Segeln im Wind getönt hatte, glaubten sie ausser dem entfernten Orgelspiel noch ein immer lauter werdendes Kratzen zu hören, das sich der breiten Balustrade der obersten Münstergalerie näherte, auf der sie sich befanden. Und als sie an die Balustrade hinantraten und über sie hinweg der Fassade entlang hinunterblickten, sahen sie, wie dicht zusammengedrängt und von allen Seiten her unzählige kleine affenartige Wesen, die sich in ihrer Farbe nicht im geringsten von der des Sandsteins des Münsters unterschieden, mit einer grossen Geschicklichkeit und Geschwindigkeit von den Fialen der Strebepfeiler her, über die Strebebogen und die Turmfassade auf die Galerie zukletterten.
Alles an ihnen war sandsteinfarben, so dass es aussah, als ob Teile der Münsterfassade in Bewegung geraten seien, und als die ersten von ihnen die Balustrade erreichten, sahen sie, dass es Konsolen-, Türpfosten-, Türsturz-, Konsolenträger-, Bogenfeld- und Archivoltenfiguren sowie zu grotesken, widernatürlichen Gestalten geformte Wasserspeier waren, die ohne aufeinander Rücksicht zu nehmen panikartig den Turm erklommen und in deren Sandsteinaugen Angst stand.
Als er zum Denkmalpfleger hinüberblickte, sah er, dass sich dieser schon wieder aufgerichtet hatte und ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und weitgeöffneten, wahnsinnsgefüllten Augen ansah – so dass er erschrocken vor ihm zurückwich – und dass sich dessen Gesicht zu einem breiten Grinsen verzog, das unvermittelt in ein unmenschliches, höhnisches Gelächter von einer unvorstellbaren Lautstärke überging.
Dann begann die dicke Steinplatte des Galeriebodens und mit ihr schliesslich der ganze Turm langsam auseinander zu brechen, so dass sich der Denkmalpfleger, ohne in seinem Gelächter innezuhalten, mit seiner Turmhälfte und den verzweifelt Halt suchenden Sandsteinfiguren, die reihenweise in die Tiefe fielen, langsam von ihm entfernte und ihm, gerade noch bevor die beiden Turmhälften in sich zusammenstürzten, mit einer Donnerstimme durch das ohrenbetäubende Krachen und die immer lauter werdende Orgelmusik hindurch die Worte: MACHS NA! zurief.


Das System des Doktor Maillard oder Die Welt der Maschinen

Psychiatrie-Roman, Ammann Verlag, Zürich, 1994

Das mit schwarzem Humor und parodistischen Seitenhieben erzählte Duell zweier Psychiater. Ein apokalyptischer Karneval über letzte Fragen der Menschheit und über virtuelle Realitäten, die jeden moralischen Standpunkt aufzuheben drohen.

Südfrankreich. Ein gleissend heller Herbstnachmittag im Salon eines alten provenzalischen Schlosses. Durch die Fenster, hinter denen sich die Silhouette des Mont Ventoux erhebt, ist der Mistral zu hören. Eine in Schwarz gekleidete junge Frau mit bleichen Zügen sitzt am Klavier und spielt Schubert.

Im gediegenen Ambiente der „Clinique Château Europe“ hat Doktor Maillard sein „System der Beschwichtigung“ entwickelt. Alle Probleme der Psychiatrie scheinen gelöst, aufgefangen im friedlichen Umgang von Patient und Arzt.

Edgar Ribeau, ein junger Doktorand aus Paris, will in der Klink seine Studien über die „Anti-Psychiatrie“ abschliessen. Doch kaum ist er über die Schwelle des Salons getreten, sieht er sich in einem Rollenspiel gefangen, das er zunächst als Teil der Beschwichtigungstherapie versteht. Erst allmählich findet er heraus, zwischen welche Fronten er geraten ist.

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Stimmen

„Hinsichtlich der Neigung zu philosophischen und naturwissenschaftlichen Fragestellungen kommt E. Y. Meyer Dürrenmatt am nächsten.“
Geschichte der deutschsprachigen Schweizer Literatur im 20. Jahrhundert

„Der Roman entfaltet einen eigentümlichen konstruktivistischen Witz, der in eine phantastische Menschheitssymbolik übergeht. Wem es gelingt, die Ungeniertheit dieses Erzählers zu teilen, der kann ein grosses intellektuelles Vergnügen haben. Ein so schräges wie eindrucksvolles Wort zum Ernst der Lage.“
Frankfurter Rundschau

„Irrenhaus Europa. Das System des Doktor Maillard ist auf eine wahnwitzige Weise ausgeklügelt.“
Neues Deutschland

Leseprobe

Das, was dem Doktoranden hier geboten wurde, unterschied sich vollständig von dem, was er bisher erlebt hatte, und nach den Dingen zu schliessen, die er auf dem Tisch sah, gab es, entgegen seinen Erwartungen, anscheinend doch genau das phantastische Menü, das Clicquot und Rocquembert angekündigt hatten – ein Essen also, das in einem totalen Gegensatz etwa zu der Nahrung stand, die, wie Laing ihm in Saint-Tropez geschildert hatte, in Kingsley Hall üblich gewesen war, wo sich in schlechten Zeiten in der Küche leere Milchflaschen, aus denen noch die letzten Reste geschlürft worden seien, aufgetürmt und sämtliche Wände wie Jackson-Pollock-Gemälde ausgesehen hätten, für die statt Farbe Eigelb verwendet worden sei, dieweil in der Speisekammer gähnende Leere geherrscht habe.
Und zudem schien Maillard, wie Ribeau zufrieden feststellte, auch überhaupt nichts gegen die Beziehung zu haben, die zwischen ihm und seiner Mitarbeiterin entstanden war – denn der grosse Mann richtete seine Aufmerksamkeit nun nicht etwa auf die sich ostentativ eng an den Doktoranden schmiegende junge Amerikanerin, sondern voll auf die ihr gegenübersitzende Madame Rougemont, die nervös auf ihrem Stuhl hin und her rutschte und dabei ihren enormen, faltenreichen Busen immer wieder in beachtliche Schwingungen versetzte.
„Was ist denn, Madame Rougemont?“ wollte er von der rothaarigen Dame wissen – und diese antwortete mit leicht pikierter Stimme: „Ich möchte meinen Platz wechseln, Mössjö lö tirektör!“
„Und wohin möchten Sie sich denn setzen?“
„Neben Edgar!“ kam, wie aus der Pistole geschossen, die Antwort.
„Aber nein, Madame Rougemont, das geht doch nicht“, lachte Maillard. „Neben Edgar sitzt unsere liebe Linda!„
„Sa allorrs!“ sagte die Sängerin entrüstet.
„Bitte?!“
„Sie müssen wissen, was Sie tun!“
„Sehr richtig, meine Liebe“, sagte Maillard. „Man kann alles verwerfen, was man will, auch das Wissen selbst, aber man muss wissen, was man tut!“


Venezianisches Zwischenspiel

Kriminal-Novelle, Ammann Verlag, Zürich, 1997

Ein Mord, den keiner beging.
Eine italienische Reise in eine venezianische Falle.

Zum Feiern fahren sie nach Venedig: vier Theaterleute und ein Schriftsteller. Aber die Vergnügungsreise, die in Paris beginnt, entwickelt sich zu einem Alptraum.

Der venezianische Dramatiker Riccardo Malino führt die Besucher durch das Labyrinth der Stadt, lädt sie in kleine versteckte Kneipen ein und lässt sie hinter die feudalen Fassaden der Paläste am Canal Grande blicken. Grosszügig stellt er ihnen für einige Tage sein Haus zur Verfügung. In einer gespenstischen Nacht kommt es zu einer unerhörten Begebenheit. Die italienische Reise wird zu einer Reise in die Abgründe der menschlichen Seele.

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Stimmen

„Das Geschlecht des Bösen. E. Y. Meyers virtuoses Venezianisches Zwischenspiel.“
Neue Zürcher Zeitung

„Ein Mord, den keiner beging. Aus der Konfrontation der Gedanken mit der realen Welt bezieht die Novelle ihre Vielschichtigkeit und unterschwellige Spannung. Das Janusköpfige lauert in allen Bereichen.“
Stuttgarter Zeitung

„The novel shows a master hand“
World Literature Today

Leseprobe

Die Unterbrechung der Romanarbeit sollte nur eine kurze sein, einige Tage bis höchstens eine Woche, und hätte doch beinahe ihr Ende bedeutet.
Ob man das Ereignis, um das es hier geht, wirklich als so gravierend einstufen oder ob man es anders sehen will, hängt von den Moralvorstellungen des Einzelnen ab. In einem Jahrhundert, in dem millionenfacher technokratisch geplanter Mord stattgefunden hat, die Atombombe erfunden, gebaut und eingesetzt wurde, ist auch die Beurteilung von Mord relativ geworden.
Alles scheint möglich und als Wertvorstellung akzeptierbar. Und vielleicht wird der Mord, wenn man später auf unser Jahrhundert zurücksieht, möglicherweise sogar als die Kunst angesehen, die es kennzeichnet, wie andere Jahrhunderte durch das Gebet oder das Betteln gekennzeichnet waren.
Das Böse, das es in der Welt gibt, beginnt oft erstaunlich banal und entfaltet plötzlich eine grosse Wirkung.


Der Trubschachen Komplex

Ein Roman und eine Erzählung, Ammann Verlag, Zürich, 1998

Neuauflage von E. Y. Meyers Kultbuch „In Trubschachen“.
Ergänzt durch die Nachfolge-Erzählung „Die Erhebung der Romanfiguren“.
Mit einem Nachwort von Heinz F. Schafroth.

„In Trubschachen“ ist der Roman einer Veränderung der vertrauten Lebensverhältnisse.
Um die Jahreswende etwa könnte man verreisen, zum Beispiel mit dem Zug von Biel ins Emmental, nach Trubschachen fahren. In dieser anderen Welt nimmt die Wahrnehmungsfähigkeit zu, verändert sich das Zeitgefühl. Bekanntes wirkt in der verschneiten Winterlandschaft wie fremde Zeichen: das geschlossene Kurhaus, die geometrischen Reklameschilder, das Transformatorenhäuschen.

Am historischen Beispiel, dem Leben und der Philosophie Kants, und am aktuellen Erleben des entlegenen Tals werden die Bedingungen, unter denen das Leben verläuft, offensichtlich. Deshalb handelt die große »Rede von der Pflicht« auch vom falschen Leben, von den »menschenfeindlichen Lebensbedingungen«. Weil die bürgerliche Moral Pflicht und Neigung, Gesetz und Güte getrennt hielt, machte sie aus dem Leistungsprinzip ein unmenschliches Verhaltenskorsett.

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Stimmen

„Immanuel Kant im Emmental.“
Rolf Michaelis, Die Zeit

„Das ist ein bedeutendes Stück Prosa.“
Dieter Bachmann, Die Weltwoche

„Meyer denkt also klar, er denkt ernsthaft und verbindlich, er scheut vor dem Simplen nicht zurück, er ist in einem wohltuenden Sinne menschenfreundlich: und dies alles nicht theoretisierend, sondern so, dass er etwas erzählt. Ich bin, wie gesagt, befangen, weil ganz und gar eingenommen. Ich wünschte, vielen ginge es so.“
Rolf Vollmann, Stuttgarter Zeitung

Leseprobe

Durch ein an den Rändern schneeverwehtes Fenster sieht man in einen grossen Raum, dessen Wände bis fast zur Decke hinauf gelb geplättelt sind. Auch der Boden ist mit Platten ausgelegt, wenn auch mit grösseren und dunkleren als die Wände. Überall stehen, liegen und hängen Geräte herum, die zur Käseherstellung dienen müssen, deren Zweck einem aber meinstens nicht oder nur vage bekannt ist.
Die Käselaibe, die vom Käser und vom Käserburschen gerade aus den hölzernen Reifen herausgehoben, in neue Tücher gewickelt und dann mit Hilfe einer mechanischen Presse wieder in die Form gepresst werden, lassen einen plötzlich einen Hunger fühlen, der durch das lange Gehen in dem dichten Schneegestöber entstanden sein musste, und zusammen mit diesem Hungergefühl auch daran denken, wie gut einem jeweilen beim Morgenessen im „Hirschen“ das aufgetischte Stück Käse schmeckt.
Trotz der herrschenden Kälte, die sich wahrscheinlich auch im Innern der Käserei bemerkbar macht, trägt der Käser – soviel man sieht – nur ein kragenloses, blauweissgestreiftes Hemd mit kurzen Ärmeln, eine von breiten, braunen Hosenträgern festgehaltene formlose dunkle Wollstoffhose und eine hellgrüne Gummischürze, während seine Füsse in klobigen Holzschuhen stecken.
Sein Gehilfe, der Käserbursche, ist ähnlich gekleidet, nur ist sein Hemd nicht blauweissgestreift, sondern blauweisskariert. Beide sind von festem und kräftigem Körperbau, der Käser selber von beinahe riesenhafter Gestalt.
Auf das mehr oder weniger unüberlegt erfolgte Klopfen an die sich neben dem Fenster befindliche Tür ertönt aus dem Raum ein schwerfällig, aber nicht abweisend klingendes „Jaa“, welches man schliesslich, da keine weitere Reaktion erfolgt und man nicht ein zweites Mal klopfen will, als Einladung zum Eintreten versteht.
Am Presstisch stehend, sehen einen der Käser und der Käserbursche dann aber doch einigermassen erwartend an, wenn man, den Schnee abklopfend, für einen Moment in der geöffneten Tür stehen bleibt, bevor man, die Tür hinter sich schliessend, eintritt. Obwohl es einem scheint, dass es in einer Käserei nicht besonders warm sein darf, empfindet man die Luft im Innern des Käsereiraumes nach der draussen herrschenden Kälte als angenehm wärmend.
Nicht so sehr wegen des Hungergefühls, das plötzlich – wahrscheinlich wegen der Wärme – gar nicht mehr so gross ist, sondern vielmehr wegen des Fehlens einer anderen Begründung für sein Eintreten, fragt man die beiden abwartend dastehenden Männer nach gegenseitiger Begrüssung, ob man bei ihnen direkt, wie in einem Laden, Käse zum Mitnehmen kaufen könne.
Die knappe, aber eindeutige Antwort des Käsers, dass man das schon könne, wieviel man denn wolle, bringt einen aber erneut in Verlegenheit, weil man den Käser nicht mit dem Kauf einer zu kleinen Käsemenge belästigen will, gleichzeitig aber auch merkt, dass man eine grössere Menge Käse gar nicht gebrauchen kann, da das Essen im „Hirschen“ überaus genügend, ja fast zu reichlich bemessen ist und einen schon bald wieder ein solch reichliches Abendessen erwarten würde.


Der Ritt

Ein Gotthelf-Roman, FOLIO Verlag, Wien, 2004

Der menschliche Ritt nach dem Sinn des Lebens.
Am Beispiel des legendären Schweizer Schriftstellers Jeremias Gotthelf.

„Am ersten Tag des Jahres 1831 ritt er, von Sinnlosigkeit umlagert, in das winterliche Emmental.“ Mit diesem Satz beginnt der Roman, in dem der Ritt des Albert Bitzius, wie Gotthelf mit bürgerlichem Namen hiess, von Bern nach Lützelflüh geschildert wird.

Dass die Vikariatstelle, die er dort antrat, die bereits vierte nach jenen in Utzenstorf, Herzogenbuchsee und Bern, seine letzte sein würde und dass er bis zu seinem Tod in Lützelflüh bleiben sollte, wusste er nicht. Dass er neben seiner Tätigkeit als Pfarrer in nur achtzehn Jahren ein gewaltiges literarisches Werk (20'000 Druckseiten) schaffen und unter dem Namen Jeremias Gotthelf veröffentlichen würde, hätte er höchstens ahnen können.

Der Ritt von Bern nach Lützelflüh erwies sich im Leben des Albert Bitzius nachträglich als die entscheidende Zäsur.

Wie dieser Ritt verlief, was während der fünf Stunden in dem dreiunddreissigjährigen Mann vorging, wie er sein bisheriges Leben sah, was für Erinnerungen in ihm auftauchten, mit welchen Dämonen er zu kämpfen hatte, was er von der Zukunft erwartete, wird erzählerisch nachvollzogen.

Nicht Jeremias Gotthelf, der berühmte, heute von Klischees überlagerte Schriftsteller, wird gezeigt, sondern der wenig bekannte junge Mann, der er zuvor war. Der wilde Albert Bitzius, in dem die Voraussetzungen für das spätere Schöpfertum entstanden. Route des Ritts: Bern – Gümligen - Rüfenacht – Worb - Bad Enggistein - Walkringen - Bigenthal – Gomerkinden – Schafhausen – Goldbach - Lützelflüh.

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Stimmen

„Der Ritt durch das gärende Universum des jungen Pfarrers unterwegs zu seinem geistigen Ort als Schriftsteller und zugleich in das reale winterliche Lützelflüh ist ein Husarenritt, der seines Temperaments würdig ist. Eine ungemein suggestive und kraftvolle Prosa, zu der man jeden Leser nur beglückwünschen kann.“
Adolf Muschg

„Er lässt Bitzius reiten und wie!“
Christophe Pochon, Bieler Tagblatt

„Meyer hat stilsicher auf wenigen Seiten einen grossen Roman geschrieben, in einer literarischen Qualität, die der Leser in den Werken Gotthelfs nicht immer findet.“
Friedrich Seven, Zeitzeichen, Berlin

„Beim Lesen entsteht mehr und mehr ein Sog, ein Rhythmus, der vorbestimmt ist wie die Gedanken des Reiters durch den Gang des Pferdes. Trotz der Knappheit: "Der Ritt" hat durchaus etwas Episches. Manchmal hat man gar den Eindruck, Meyer würde selbst zu Gotthelf. Man liest ihn gern, den "Ritt". Sein Staccato der Sätze und der Gedanken prägt sich ein.“
Konrad Tobler, Berner Zeitung

„Jene, die wirklich etwas über Jeremias Gotthelf erfahren wollen, sollten E. Y. Meyers neuen Roman lesen. 'Der Ritt' schildert in hinreissender Sprache, wie der noch unbekannte Vikar Albert Bitzius nach Lützelflüh reitet und macht fassbar, wie er dort zu einem der besten Schriftsteller des Landes wurde.“
Coopzeitung

» DEUTSCHE BüCHER. Forum für Literatur
» Basler Zeitung 1.12.04
» Bieler Tagblatt 26.11.04
» Coopzeitung 17.11.04
» Zeitzeichen November 04
» Schweizer Illustrierte 27.9.04
» Bernerzeitung 28.8.04
» Bieler Tagblatt 26.8.04
» Bernerzeitung vom 16.1.04
» Bernerzeitung vom 19.1.04
» NZZ vom 19.1.04

Leseprobe

AM ERSTEN TAG des Jahres achtzehnhunderteinunddreissig ritt er, von Sinnlosigkeit umlagert, in das winterliche Emmental.
Während das Pferd kraftvoll den Muristalden hinaufstapfte, sah er auf die in der Tiefe versinkende Stadt zurück.
Die langen Häuserreihen wirkten streng. Dominiert wurden sie vom Turm des Münsters.
Der Ort, der die halbinselartige Flussschlaufe ausfüllte, sah wie ein Walfisch aus, in dessen Rücken Harpunen steckten, die von vergeblichen Fangunternehmungen und Tötungsversuchen stammten. Jetzt, da Schnee auf den Dächern lag, war das Tier ein weisser Wal.
Rauch stieg aus Kaminen auf. Der Walfischrücken dampfte.
Im fahlen Licht des Wintertags hatte die Klarheit der Häuseranordnung, ihre Wohlgeordnetheit, die Sicherheit und Ruhe versprechen sollte, auch etwas Bedrohliches.
Sie verkörperte die Macht der Menschen, die fähig war, ihren Willen der Natur aufzuzwingen. Die einen Wald verschwinden lassen konnte und an seiner Stelle eine geballte Ansammlung steinerner Bauwerke hinzustellen imstande war.
Und der Herr gebot dem Fisch, und er spie Jonas an Land.
Unvermittelt schlug er die Absätze der Stiefel in den Unterbauch der Stute, zwang sie, den letzten Teil des Hangs und die nachfolgende ebene Strecke im Galopp zurückzulegen.
Männergelächter umdröhnte seinen Kopf. Spotterfüllte Augen blitzten auf. Bärtige Münder entblössen verfaulte Zähne.
Si vis pacem, para bellum.
Fort. In fremde Kriegsdienste.
Das Pferd wieherte. Er verlangsamte das Tempo. Strich dem Tier über den Hals.
So schickte ihn Gott der Herr fort aus dem Garten Eden, dass er den Erdboden bebaue, von dem er genommen war.
Und er vertrieb den Menschen und liess östlich vom Garten Eden die Cherube sich lagern und die Flamme des zuckenden Schwertes, den Weg zum Baume des Lebens zu bewachen.
Er hatte der Versuchung nicht widerstanden.
Die Berufung nach Bern ist ehrenvoll, aber wird sie es auch bleiben für mich? Auf dem Land konnte ich Nutzen stiften, von Bedeutung sein. Werde ich es auch in der Stadt können? Dies legt mich schlaflos.
Man hatte nicht versäumt, ihn auf das grossteils gebildete Publikum der Stadtgemeinde hinzuweisen, ihm sorgfältige Ausarbeitung der Kanzelvorträge angeraten, die Erwartung ausgesprochen, dass er sich bestreben werde, dem, wie man schrieb, ehrenvollen Zutrauen nach bestem Vermögen zu entsprechen.
Was ich übernommen habe, führte ich bis dahin immer ehrenvoll aus. Wie ich aber auf diesem Posten genügen sollte, wollte mir nicht aufgehen. Dieses war die Hauptursache meiner Beängstigung. Eine zweite, geringere ist finanziell.
Mit vierhundert Franken Einkommen springt man in Bern nicht nur nicht weit, sondern gar nicht.

Seine Stimme hatte Mühe gehabt, die imposante Halle zu füllen.
Sandsteinsäulen. Emporen. Freigestellte Kanzel. Zweihundert Jahre nach der Reformation hatte man sämtliche Register des herrschaftlichen Bauens gezogen.
Bei der Einweihung der prächtigsten protestantischen Kirche auf dem Gebiet der damaligen Eidgenossenschaft war von einem Tempel gesprochen worden.
Genau hundert Jahre danach hatte er seinen Dienst im Repräsentationsbau des altbernischen Protestantismus angetreten. Dreissig Jahre nach dem Untergang des Alten Bern. Dem Ende der alten Eidgenossenschaft.
Wahrscheinlich hatte man sich auch an seinem Sprachfehler gestossen.
Schon in seiner Studentenzeit, als er acht Jahre lang in Bern lebte, verunmöglichte ihm dieser die Schauspielerei. Seinetwegen entzog man ihm die Rolle des Melchthal im „Wilhelm Tell“, die er einstudiert hatte.
Sind wir denn wehrlos? Wozu lernten wir die Armbrust spannen und die schwere Wucht der Streitaxt schwingen? Jedem Wesen ward ein Notgewehr in der Verzweiflungsangst.
Für das Predigthalten waren seine körperlichen Voraussetzungen nicht optimal.
Als Schulinspektor, in der Armenpflege und sogar im Umgang mit dem Stadtgesindel hatte er ebenfalls sein Bestes zu geben versucht.
Aber auch das schien nicht genug gewesen zu sein.
Man wollte ihn nicht.
Nicht als Nachfolger des verstorbenen Aufklärers Wyttenbach. Und auch sonst nicht.
Man vertrieb ihn.
Einmal mehr.
Wie in Utzenstorf. Wie in Herzogenbuchsee.
Wie im Grunde schon sein Vater vertrieben worden war, in Murten, als das mittelalterliche Seestädtchen in der von Napoleon neugeformten Eidgenossenschaft ganz an das katholische Freiburg überging und der Pfarrer, als er achtundvierzig und sein ältester Sohn acht Jahre alt war, sich um eine Versetzung bemühen musste.
Sie werden daher von nun an Ihres Vikariats in Herzogenbuchsee, das Sie, wie die Visitationsberichte ausweisen, zur Zufriedenheit der Gemeinde und ihres Pfarrers, sowie auch des Kirchenkonvents versehen haben, in Ehren entlassen. Bleiben Sie unsrer Wertschätzung und Freundschaft versichert. Gott mit Ihnen. Namens des Kirchenkonvents. Der Aktuar.

Auf der weissen Fläche neben der Strasse überschlug sich ein Hase. Mitten im Lauf von einer Kugel getroffen.
Auf dem Boden liegend zuckte er noch einige Male. Dann fiel er schlaff in sich zusammen.
Blut floss in den Schnee.
Es war kalt. Der Himmel bedeckt. Der Tag wollte nicht hell werden. Im Gegenteil. Er dunkelte schon wieder ein. Es würde zu schneien beginnen.
Wie gern war er mit seinem Bruder auf die Jagd gegangen.
Fritz tötete statt Tiere nun Menschen.
Wann würde er selber wieder jagen?
Würde er überhaupt je wieder jagen?
Was erwartete ihn?


Wandlung

Roman zur Jahrtausendwende, Teil 1, Stämpfli Verlag, Bern, 2012

Gespiegelt und reflektiert in der Geschichte eines Klubs, der sich „Club Freitag der Dreizehnte“ nennt, umfasst dieser Roman den Zeitraum vom Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991, dem vermeintlichen „Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus“, bis zur Jahrtausendwende.

Letztlich meint „Wandlung“ indes die sich schon seit viel längerer Zeit im Gang befindende Verwandlung der natürlichen Umwelt auf dem Planeten Erde in eine reine Kunstwelt. In eine Welt, die nur noch aus künstlichen Gebilden besteht und eine bessere Welt als die bisher vorhandene, natürliche Welt werden soll, von der Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) noch glaubte, dass sie „die beste aller möglichen Welten“ sei.

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Stimmen

„Er ist ein melancholischer Moralist, kein dröhnender Apokalyptiker, ein Mahner, kein Bussprediger, ein sorgenvoller Beobachter unserer Modernisierungsprozesse und ein Fortschrittsskeptiker, der wie ein guter Buchhalter immer ein Auge darauf hat, was uns all das kostet, was wir glauben, uns leisten zu müssen. Dabei geht es ihm nicht um Geld: Die Unkosten, die Meyer abwägt, wiegen schwerer und sind mit Gold nicht aufzuwiegen. Es geht ihm um die Schweiz. Und um die Menschheit. Man könnte sagen: E. Y. Meyer ist einer der letzten Apostel der Aufklärung.“
Hubert Spiegel von der FAZ
» Weltwoche vom 9.8.12

„Sätze der Beobachtung werden zu Zeichen an der Wand“
» Aargauer Zeitung vom 31.7.2012

„Immer am Freitag, dem Dreizehnten“
» Neue Luzerner Zeitung vom 14.8.2012

„Warnung vor einer heiligen Nutte“
» Berner Bär vom 14.8.12

„Rufer in der Wüste: Ein Mann wie Meyer schielt nicht auf die Vorgaben des Marktes – er bleibt sich treu.“
» NZZ vom 28.10.12

„Hie und da sollte wieder klar gestellt werden, was das Geschäft der Literaturkritik wäre: Nicht Selbstdarstellung des Kritikers auf Kosten des Autors, sondern faire, sachlich begründete Charakterisierung eines Textes.“ Dies schreibt der Germanist Alfred Reber zu zwei, wie er findet, „von boshafter Häme“ durchsetzten Verrissen, die in der Lokalpresse von Meyers Wohnort Bern auf Grund von hier vorhandenen persönlichen Ressentiments gegen den Autor erschienen sind.
In einem der beiden Fälle stellt er fest: „Der Rezensent erhebt den Anspruch, das abschliessende, allgemeingültige Urteil zu sprechen; obendrein reicht er seinen Text, zwar gekürzt, aber in Ton und Inhalt wenig verändert, dem ‚Tagesanzeiger‘ weiter, so dass sein Verriss auch im Raum Zürich bekannt wird.“

» Kritik oder Verriss? Sprachkreis Deutsch – Mitteilungen Nr. 3+4/2012

Leseprobe

Das erste Treffen hatte fünfzehn Jahre zuvor stattgefunden. Zwei Monate später im Jahr. Am Freitag, dem 13. August 1993.

Nicht zufällig in einer anderen Landesgegend. Nicht in den Bergen. Nicht in den Alpen. Sondern in flacheren Gefilden.

An einem Ort, der mir seit meiner Jugend vertraut war. Den ich damals oft und auch später immer wieder aufgesucht hatte.

Es war eine Insel auf einer Insel sozusagen.

Die St. Petersinsel im Bielersee. Im Schweizer Seeland. Dem Land der drei Seen am Südfuss des Schweizer Juras. Auch bekannt als Rousseau-Insel.

Ein Ort, der gleichzeitig seine natürliche Schönheit bewahrt und eine weiterführende geistesgeschichtliche Bedeutung hatte. Ein geographisch und historisch mit einer besonderen Bedeutung besetzter und im Bewusstsein der Menschheit verankerter Raum somit, der für das Wesentliche unserer Treffen stand. Für alle weiteren Treffen wegweisend sein sollte.

Eine Insel der Erinnerung.
In einem Land, das eine Insel war.
Eine Insel in Europa.
Eine Insel in der Welt.
Eine Insel im Universum.

Die Idee zu den Treffen, den Zusammenkünften einer besonderen Art, hatte ich ein Jahr zuvor gehabt.

Im dritten Jahr nach der sogenannten Wende, mit der die Spaltung der Welt einmal mehr vermeintlich aufgehoben worden war. Neunzehnhundertzweiundneunzig.

In Zahlen: 1992.

Herausgefordert durch die Absurdität der Behauptung des USamerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama vom Ende der Geschichte, das mit dem Zusammenbruch der UdSSR und der von ihr abhängigen sozialistischen Staaten erreicht worden sei. Eingeleitet durch den Fall der Berliner Mauer 1989.

Im zweihundertsten Jahr nach dem Beginn der Französischen Revolution.

Das behauptete Ende hatte mich gereizt, etwas dagegenzusetzen. Und was hätte das anderes sein können als sein Gegenteil. Und was konnte das Gegenteil eines Endes anderes sein als ein Anfang.

Ein Anfang also.
Aber ein Anfang von was?
Der Anfang einer Geschichte.
Aber was für einer Geschichte?


Apotheose

Roman zur Jahrtausendwende, Teil 2, Stämpfli Verlag, Bern, 2015

„Apotheose“ heisst „Vergöttlichung“. Ein Mensch oder eine Sache wird zu einem Gott erhoben. Die Frage, die sich heute stellt, ist, ob jeder Mensch sich zu einem Gott erheben will. Ob die Menschheit sich als eine gottähnliche, mit göttlicher Allmacht versehene Spezies sehen will.

Oder ob es nicht darum gehen sollte, dass die Menschen menschlicher werden als sie es heute sind oder sein können.

„Apotheose“ beschliesst das Jahrtausendwende-Romanprojekt, das mit dem Roman „Wandlung“ begonnen hat.

Nachdem „Wandlung“ den Zeitraum des Zusammenbruchs der Sowjetunion Ende 1991 bis zur Jahrtausendwende umfasst, geht es in „Apotheose“ jetzt um die Zeit von der Jahrtausendwende bis zur ersten grossen Krise des „siegreichen Kapitalismus“: Der Finanzkrise von 2008.

Zusammen bilden die beiden Romane somit eine Art Diptychon in der ursprünglichen, aus der Antike stammenden Bedeutung des Wortes: Ein Block aus zwei mit einem einfachen Scharnier verbundenen, zusammenklappbaren Wachstafeln, die als Schreibflächen dienten.

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Stimmen

» Sprachkreis Deutsch, November 2017

» lesefieber.ch, 28. August 2015

„Sie haben einen Herrenclub gegründet und sind die Männer vom Freitag des 13., so treffen sie sich immer an diesen Freitagen des Jahres und stimmigerweise sind sie auch dreizehn Clubmitglieder. Männer von Welt, Männer, jeder mit einer eigenen Geschichte und Prägung, einer unter ihnen, wir ahnen welcher, mit einer unglaublichen Begabung zum Geschichtenerzählen. Wir vernehmen, wie viele Freitage den 13. ein Jahr bereithalten kann, wir sitzen in Sils Maria in der Arvenstube und trinken herrlichen Wein, philosophieren, politisieren und fabulieren mit dem auserwählten Herrenclub. Die Expo.02 taucht auf und auch viele weitere Erinnerungen aus der Schweiz aber auch Einschneidendes aus der ganzen Welt. Besonders erheiternd die Erzählung, wie der Neuenburgersee in eine gewaltige Bouillabaisse verwandelt wird, welche man dann gemeinsam auslöffelt. Zuerst die Kantone an die Löffel, dann die Auslandschweizer und zuletzt, schon mit ein wenig Sand vom Grund in der Suppe, dürfen die Ausländer am Ende die Suppe auslöffeln. Ja und salopp ausgedrückt, müssen dann der eine und andere im Club schon den Löffel abgeben, der Club ist nicht mehr derselbige, der er bei seiner Gründung war und wird darum aufgelöst.“

„Fazit: Kunterbuntes Herrengemälde aus der Schweiz der Jahrtausendwende Der bekannte Autor Meyer verlangt uns in diesem Roman einiges ab, dies ist kein Buch, welches man einfach so weglesen kann. Aber wer bereit ist, sich auf eine Reise zu machen durch die Zeit, die Schweiz und allerhand Themen von Apotheose über Engel bis hin zu Politik, Literatur und Weltgeschehen, der wird an manchen Exkursen dieses Romans seine Freude haben. Nicht zuletzt zeigt sich der Autor auch von einer fein humorvollen, oft ironischen Seite. Nicht für jedermann, aber für diejenigen welche …“
Manuela Hofstätter, lesefieber.ch

Leseprobe

Draussen war der sonnige Tag verglüht und hatte Platz gemacht für Dunkelheit und Kälte.

In der Halle loderte das Kaminfeuer.

Und dann, nach dem Abendessen, das wir wieder im Rittersaal im ersten Stock eingenommen hatten, setzte ich mich um halb neun, einen Stock höher, im Theatersaal der Chasa de Capol, der Scena Capol, nachdem die anderen Clubmitglieder und E.T.A. sich in den roten Plüschsesseln niedergelassen hatten, ein zweites Mal neben dem Steinway-Flügel in das helle Licht auf der Bühne, auf den Stuhl, der hinter dem kleinen Tisch stand, und las zuerst den Titel und dann den Text der Geschichte, die ich für diesen Tag, für den Freitag, den 13. Dezember 2002, geschrieben hatte.

DER STALLMEISTER

VON SIEBENTHAL betrachtete die beiden Männer, die ihm gegenübersassen

Sie mochten um die vierzig sein. Beide hatten einen athletischen Körperbau, auf ihren Bäuchen jedoch eine beachtliche Menge Fett angesetzt. Sie waren ihm nicht unsympathisch. Aber sie waren keine einfache Kundschaft. Beide hatten ihre Haare nach hinten gekämmt und trugen Brillen. Brillen mit dünnen Rändern.

Der kleinere, der dichtes, blondes Haar hatte und die Schultern leicht nach vorn gebeugt hielt, sah aus wie ein schlecht gealterter David Hemmings. Jener englische Schauspieler, der im Film Blow Up von Michelangelo Antonioni den Londoner Fotografen spielte, der, ohne es zu wissen, mit seiner Kamera einen Mord festhielt.

Der andere, dessen Haare bereits stark gelichtet und am Ergrauen waren, sah aus wie ein Verschnitt aus Orson Welles, Marlon Brando und Hemingway. Ebenfalls nicht allzu gut gealtert.

Beide behaupteten, freischaffende Schriftsteller zu sein. „Was wollen Sie von uns?“, sagte der grössere, der mehr als sein Begleiter sprach und aufsässiger war. „Wir haben nichts Böses getan!“

Von Siebenthal befürchtete, dass der Abend länger werden würde, als er gedacht hatte, und dass seine Freundin und deren Kinder mit der Geschenkeverteilung nicht mehr auf ihn würden warten können.

„Ich habe Ihnen erklärt, warum wir Sie befragen. Wir möchten wissen, was es mit den Marienkäfern auf sich hat.»

„Himmelskäfer“, sagte der kleinere Mann, der Bieler hiess. „Siebenpunkter“, sagte der grössere Mann, dessen Name, wie die Ausweispapiere bestätigten, Mueller war. Mueller mit ue geschrieben. Und auch so gesprochen, wie er betonte.